Gebet für den 4. Sonntag nach Trinitatis

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Barmherziger Vater, der du uns zur Barmherzigkeit rufst. Wir bringen vor dich die vielen wortlosen Gebete unserer Nächsten, ihre Dankbarkeit, ihre Hilferufe, ihre Bitten, von denen niemand weiß, die niemand erkennt, doch du hörst sie.

Hände, ineinandergefaltet, zusammengepreßt, verkrallt. Die hangelnden Arme eines Mannes im Drahtzaun an der syrischen-türkischen Grenze, als er seinen Sohn herüberheben will. Wir bringen vor dich die wortlosen Gebete unserer Nächsten. Behutsame Finger mit Verbandszeug und Pinzetten und Salben. Fingerkuppen auf Tastaturen. Fäuste an schweren Maschinen. Fließbandgesten. Die Hand auf der Hand eines Einsamen.

Wir bringen vor dich die wortlosen Gebete unserer Nächsten, von denen niemand weiß, die niemand erkennt, doch du hörst sie. Blicke in Blicken, und sie gleiten vorüber. Augen, die um Vertrauen bitten. Augen, neugierig, in die Ferne gefallen. Die weiten Pupillen des Süchtigen im Entzug. Die starren Augen des Kindes zum Himmel, abends im Jemen, wenn die Bomber kommen.

Wir bringen vor dich die wortlosen Gebete unserer Nächsten. Minuten der Stille am Bett eines Säuglings. Das Staunen. Die Ruhe. Die alltäglichen Gesten, Essen zu kochen und den Tisch zu decken. Den schnellen Atem, wenn etwas Unerwartetes beginnt, Atem, wenn das Ende nah ist. Demut, die auf das Eigene verzichtet, namenlos schweigt vor Gott.

So werden wir still vor dir und bringen vor dich, was uns bewegt. Wir denken an unsere Nächsten:

(Stille)

Barmherziger Vater, der du uns zur Barmherzigkeit rufst, du hörst uns, du erkennst Gebete auch dort, wo niemand davon weiß, wo sie niemand erkennt. Dir sei Ehre heute, morgen und in Ewigkeit. Amen.